Unterwegs zum Cimetiere Laconte

Siebzig Jahre nach dem Tod meines Großvaters begebe ich mich auf die Suche nach seinem Grab, das es ziemlich sicher nicht mehr gibt oder vielleicht auch nie gegeben hat.

Der Zeitpunkt lässt sich in der Nachbetrachtung nicht mehr genau festmachen. Der Zeitpunkt, an dem Fragen immer und immer wieder auftauchen. Fragen nach dem Wie, nach dem Wo, das Warum hat sich – durch die Geschichte – von selbst erklärt. Fragen, die nie gestellt wurden. Fragen, die niemand beantworten konnte. Fragen, die unbeantwortet blieben. Fragen, die durch die Erzählungen der Großmutter beantwortet waren, bevor sie gestellt wurden. Antworten, die späte Bestätigung erhalten.

Die Fragen, die im Laufe der Jahrzehnte leiser geworden sind, verblasst sind hinter der jeweiligen Gegenwart, wurden wieder lauter, drängender. Drängen nach Antworten. Drängen so sehr, dass sie beginnen eine Illusion zu erzeugen. Die Illusion, eine Spurensuche erfolgreich abzuschließen. Nach so vielen Jahren, so vielen unbeantworteten Fragen ohne Zweifel eine Illusion. Doch die Jahre machen sie zur fixen Idee: das Grab meines Großvaters zu finden.
Es ist sicher zu spät. Dennoch. Ich mache mich auf und nehme ich mir vor, den Ort, an dem mein Großvater vor siebzig Jahren starb und beerdigt wurde, zu besuchen – oder vielmehr einmal zu suchen. Mit Hilfe meiner Erinnerung anFragen und Antworten, einer alten Fotografie der Beerdigung, aber ohne lebende Zeitzeugen. Mache mich auf nach Carcassonne, einer Provinzstadt in Südfrankreich, unweit der Pyrenäen.

Mein Großvater war Lokführer und überzeugter Sozialdemokrat, der Ende Jänner 1944 als „Feldeisenbahner“ gemeinsam mit anderen Kollegen vom Wiener Westbahnhof nach Carcassonne versetzt wurde. Viele Fragen bleiben unbeantwortet, weil wir sein Leben in den Monaten vor seinem Tod nur aus seinen Briefen kennen. Aus Feldpostbriefen. Aus Briefen, in denen nie die gesamte Wahrheit der Lebensumstände zum Vorschein kommt.

Mit Hilfe der Fotografie der Beerdigung kann – auf Grund der sehr markanten Burg von Carcassonne – der Ort der Beerdigung sehr genau bestimmt werden. Damals ein leeres Feld außerhalb der Stadt, heute ein Friedhof. Der Cimetiere Laconte.

Er wurde am 1. Juni 1944 am Bahnhof von Carcassonne erschossen. So die offizielle Version. Eine andere kenne ich nicht. An diesem Ort, in dieser Zeit keine Überraschung. Einwohner leisten Widerstand. Wehren sich gegen Eindringlinge, Eroberer, Besatzer. Mein Großvater war bei den Besatzern. Wenn auch unfreiwillig. Eisenbahner. Noch mehr: Lokführer. Als solcher ein wichtiges Zahnrad in der Kriegslogistik der Nazis. Eisenbahner waren wesentlich für alle möglichen Arten von Transporten. Soldaten, Kriegsmaterial, Deportationen. Was er in der Region um Carcassonne tatsächlich tat, weiß ich nicht. Manchmal schreibt er davon, schon froh zu sein, wieder auf eine Lok zu kommen, manchmal davon, am anderen Tag wieder auf der Strecke Dienst machen zu müssen. Politisch galt er wahrscheinlich als nicht zuverlässig, weil kein Mitglied der „Partei“. Eisenbahner waren in diesen Jahren von einem ausgeklügelten System sehr genau überwacht. Die Großmutter sah seine Versetzung immer als Strafe dafür, dass er sich weigerte, der „Partei“ beizutreten – also für seine politische Überzeugung. Diese hielt sie auch nach Jahrzehnten noch für richtig.

Es steht fest, mit dem Zug nach Carcassonne zu fahren. Immerhin war er Eisenbahner, Lokführer. Die Originalroute zum Versetzungsort kenne ich nicht. Die heutigen Zugsverbindungen lassen bei der Auswahl der Reiserouten nicht viel Spielraum. Sie geben einen Weg vor. Mailand. Genua. Nizza. Carcassonne.

Mit Fotoapparat und Filmkamera kann ich den Landschaften beim Vorbeiziehen, den Städten beim Pulsieren zusehen. Den Zügen beim Rattern zuhören, Eindrücke, Erinnerungen, Begegnungen, flüchtig Wahrgenommenes, bedeutende oder unbedeutende Erlebnisse festhalten. Von Stadt zu Stadt. Von Bahnhof zu Bahnhof.

Der so entstandene Bildzyklus kann als Sammlung fotografischer Notizen verstanden werden. Als Bildgeschichte einer Suche. Oder als Reisetagebuch.

Eine Broschüre mit etwas ausführlicherem Text und mehr Bildern ist erhältlich.

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