





Nach Frankfurt an der Oder. Nicht wirklich, oder? Jedes Mal, wenn ich erwähnte dorthin fahren zu wollen folgte ungläubiges Kopfschütteln, mitleidiges Lächeln. Warum dorthin? Vier Tage Zeit? Da wären doch London, Amsterdam oder Rom viel interessanter.
Ja warum? Eine gute Frage. Bis vor wenigen Monaten wär ich sicher auch nicht auf die Idee gekommen nach Frankfurt an der Oder zu fahren. Knapp 60 000 Einwohner, direkt an der Grenze zu Polen, eine Brücke über die Oder führt in den früheren Stadtteil „Dammvorstadt“, heute das polnische Slubice. Das einzige, was sich Frankfurt/Oder bisher auf die Fahnen heften konnte, war, die Geburtsstadt von Heinrich von Kleist zu sein. Das interessiert wahrscheinlich aber auch nur eingefleischte Literaturinteressierte und Germanisten. Und sonst? DDR Wiederaufbau nach den großflächigen Zerstörungen des 2. Weltkrieges. Plattenbauten der 50er und 60er Jahre. Breite, boulevardartige Straßen (z.B. Karl Marx Straße) auf denen früher wahrscheinlich der eine oder andere Trabi gefahren ist, heute fährt dort der eine oder andere Golf. Ab 21 Uhr hochgeklappte Gehsteige, Stille, da und dort ein „Abendjogger“. Das gastronomische Angebot bescheiden, aber ausbaubar. Ein Einkaufszentrum. Dazwischen doch noch ein paar Häuser aus dem 18. und 19. Jahrhundert, ein bisschen Spätbarock, zwei oder drei Kirchen aus der Zeit der Stadtgründung im 13./14. Jahrhundert. Nur der Uferbereich der Oder teilweise von naturbelassener Schönheit.
Also. Warum. Dorthin?
Wie so oft sind’s die Altvorderen, ist es die Geschichte der Familie. In diesem Fall mein Urgroßvater. Robert Ochs. Ein Preuße, der Ende des 19. Jahrhunderts sein berufliches Glück im Großraum Wien gesucht hat, in der Folge als Fotograf in Perchtoldsdorf tätig gewesen ist, dabei meine Urgroßmutter kennengelernt hat und als deren zweites Kind 1899 meine Großmutter zur Welt kam, usw. usw.
Vor einiger Zeit entdeckte ich dann, dass auch sein Vater Maler und Fotograf – Mitte des 19. Jahrhunderts ein gar nicht seltene Kombination – mit einem Atelier in Frankfurt an der Oder gewesen ist.
Und dann kam es. Bei einer eher beiläufigen Recherche fand ich einen Zeitungsbericht in einer deutschen Tageszeitung, über einen historischen Kalender, herausgegeben vom Stadtarchiv Frankfurt/Oder, und die Präsentation desselben. Dieser Kalender beinhaltet 13 stereoskopische Fotografien der Stadt aus dem Jahr 1876. Betrachtet man diese Fotografien mit einem Stereoskop wird für das menschliche Auge ein dreidimensionaler Effekt erzeugt. 3D im Jahr 1876! Schon ein Hammer. Zur Ergänzung: der Fotograf dieser historischen 3D Bilder war Robert Ochs, der Vater von vorher erwähnten Robert Ochs jun. in Perchtoldsdorf, also mein Ur-Urli. Stereoskopische Fotografie war zwischen 1860 und 1880 sehr beliebt, und auch er hatte sich eine Spezialkamera aus England besorgt und damit fotografiert. Und wie die damals fotografiert haben. Mit Kollodium Nassplatten. Umständlich, aufwändig, und sicher auch teuer. Aber das ist eine andere Geschichte
Dann tat ich, was ich tun musste. Dem ersten Kontakt mit dem hilfsbereiten Leiter des Stadtarchivs folgte ein reger e-mailverkehr, in dem für beide Seiten neue Informationen ausgetauscht wurden. Dass dem ein Besuch in Frankfurt und im Stadtarchiv folgen musste, war ziemlich schnell klar. Und so kam’s, dass ich bald darauf dorthin reiste, mich ein wenig in der Stadt umsah und einen ganzen Tag im Archiv verbrachte. Nicht nur, dass von den wenigen verbliebenen Häusern aus dem 19. Jahrhundert just auch dasjenige noch erhalten ist, in dem Robert Ochs sein Studio hatte, die Möglichkeit, seine stereoskopischen im Original zu betrachten, diesen besonderen 3D-Effekt live zu erleben, war … ja, war emotional.
Heute sehe ich Frankfurt an der Oder mit ganz anderen Augen. Irgendwie ist mir die Stadt ans Herz gewachsen.