





Der Sandleitenhof. Einer der Paradewohnbauten des „Roten Wien“ der 20er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Legendär. Weltberühmt. Nicht nur in Ottakring. Zum 90. Geburtstag des Baubeginns ist er nun Schauplatz des Kunst- und Kulturfestivals „SOHO in Ottakring“
1587 Wohnungen, über 4000 Bewohner. Der größte Gemeindebau Wiens. Eine „Stadt in der Stadt“ nennt der Architekt Kurt Smetana das frühere Sandleiten. Auf alten Bildern sieht man häufig viele Menschen, turbulentes Leben auf den Straßen und Plätzen. Nach der Fertigstellung im Jahre 1928 gibt es hier als Draufgabe 75 Geschäftslokale, ein Gasthaus, ein Cafe, drei Bade- und Wäschereibetriebe, 58 Werkstätten, drei Ateliers, ein Postamt, drei Kinderhorte, eine Bücherei, eine Apotheke und schlussendlich einen Kino- und Theatersaal. Klingt fast beängstigend. Doch wenig ist übrig geblieben von dieser Fülle an Infrastruktur. Ja die Zeit ändert viel… O-Ton Nestroy…
Aber keine Spur von Satellitensiedlung am Stadtrand. Lässig lümmelt sich die Anlage an die Hänge eines ehemaligen Weinbaugebietes. An die Sandleiten. Offen, luftig, mit vielen Freiräumen. Bei Westwind – und der bläst häufig in Wien – riecht man den nahen Wilhelminenberg. Von den turbulenten Zeiten einer „Stadt in der Stadt“ ist aber nicht mehr viel zu spüren. Mehr vom „Dorf am Stadtrand“. Dennoch ist die Lage des Sandleitenhofes Weltklasse. In zehn Minuten im Wald oder in zehn Minuten bei der U-Bahn. Die Straßenbahn vor der Tür. Heurige in Griffweite. Auch das Kongressbad. Je nach Geschmack.
Viele der Architekten, die Gemeindebauten geplant haben, waren Schüler von Otto Wagner. Doch beim Sandleitenhof gaben andere Ideen und Konzepte den Ton an. Kleine und große Plätze, kurvige Wohnstraßen, viele Grünflächen. Überhaupt war die Wohnbautätigkeit dieser Jahre ein spektakuläres Kontrastprogramm zur Wohnsituation der vorangegangenen Jahrzehnte: Zinskasernen mit Wasseranschluss und Gemeinschafts-WC am Gang, in deren überfüllten Kleinwohnungen sich mehrere Personen – die „Bettgeher“ – im Schichtbetrieb ein Bett teilten waren die Regel. Keine Fin de Siecle- Romantik. Kein Klimt, Schnitzler oder Mahler, sondern hohe Kindersterblichkeit, miserable hygienische Verhältnisse und bittere Armut.
Und dann kracht da die Stadt Wien rein, die seit 1922 durch eine Verfassungsänderung ein eigenes Bundesland wurde, dadurch Steuerhoheit erlangte, und die eingenommenen Steuern ganz offensichtlich sehr sinnvoll – eben auch in den Wohnbau – investierte. Frei nach dem Motto: Licht, Luft und Sonne in die Wohnungen.
Die Architektur mancher dieser Bauten aus der Zwischenkriegszeit erinnert ein wenig an die Bauhaus-Architektur. Ganz besonders zum Beispiel die Werkbundsiedlung . Oder ein Wohnbau in der Rauchfangkehrergasse im 15. Bezirk. An beiden war der Architekt Anton Brenner maßgeblich mitbeteiligt, der 1929 Leiter Architekturabteilung am Bauhaus in Dessau wurde.
Vielleicht fühle ich mich auch deshalb bei meinen Streifzügen durch die Bauhausviertel Tel Avivs so heimisch. Aber das ist eine andere Geschichte…
1934, während des Bürgerkrieges, wurde hier heftig gekämpft und geschossen. Heute schießen zum Glück bestenfalls Kinder mit dem Scooter ums Eck.